Das Erdbeben von 1976

 
(Erdbeben= ital. "terremoto", friaulisch "orcolât", d. i.  "Menschenfresser")

In den Abendstunden des 6. Mai 1976, gegen 9 Uhr, als die meisten friaulischen Familien beim Abendessen saßen, erschütterten unerwartete Erdstöße die Gegend um Gemona und Venzone. Sie ereichten auf der 12 Stufen umfassenden Mercalli-Skala Katastrophen- Richtwerte bis zwischen 9 und 10.

Es waren nicht die ersten Beben, die Friaul erleben mußte – seit dem Jahre 1115 wissen wir von ca. 200 Vorfällen - , und es wird auch nicht das letzte sein: Denn die Region Friaul ist Teil jener gefährdeten Zonen, in denen die eurasische Platte mit der afrikanischen aufeinanderdriftet.

Die Schreckensmeldungen, die am folgenden Tag die Außenwelt erreichten, zeichneten ein Bild der Verwüstung, das man sich heute nach dem Wiederaufbau kaum noch vorstellen kann. "Friaul ist nicht mehr Friaul", schrieb damals der Journalist Rino Sanders, "und auch seine Menschen (. . . ) sind nicht mehr dieselben".

Vier Monate nach dem ersten schweren Beben, das rund 1000 Todesopfer gefordert hatte, erschütterte im September ein zweiter Erdstoß die Region. Was im Mai stehengeblieben war, fiel jetzt in sich zusammen. Innerhalb weniger Sekunden hatte sich die Zahl der Obdachlosen von 40. 000 auf 70. 000 erhöht. Den Sommer über hatten die Menschen, denen im Mai ihr Haus beschädigt oder zerstört worden war, und die das Unheil überlebt hatten, in Zelten an der Adriaküste verbracht. Nun verloren viele die Hoffnung darauf, jemals wieder in ihre zerstörte Heimat zurückkehren zu können. Viele wanderten aus, zogen zu Verwandten, die schon in anderen Ländern eine neue Existenz aufgebaut hatten; Friaul war lange Zeit vorher schon ein Auswanderungsland gewesen.

Schülerinnen und Schüler des Istituto "Marchetti" haben ihre Eltern danach befragt, wie sie damals das Erdbeben erlebt haben.

"Meine Eltern haben am 1. Mai 1976 geheiratet, und 5 Tage später geschah das Erdbeben. Am Abend des 6. Mai waren sie im hause meiner Großeltern. Sie unterhielten sich angeregt. Plötzlich unterbrach ein starkes Getöse ihr Lachen, und sie rannten erschreckt aus dem Haus. Rings herum fielen die Häuser zusammen, und die Leute flohen , wie verrückt schreiend, hierhin und dorthin, hilflos angesichts der Katastrophe.

Inzwischen sind 20 Jahre vergangen, aber immer noch kommen meinen Eltern jene schrecklichen Augenblicke in Erinnerung: der Anblick der zerstörten Häuser, die erschütterten Menschen, und jenes Dröhnen, das aus der Tiefe der Erde kam.Ramina Peschia, geboren 1978

"Meine Eltern sind heute noch sehr betroffen, wenn sie sich an die vielen Erdstöße jenes Jahres erinnern. Das Erdbeben schien eine Ewigkeit zu dauern (es waren genau 56 Sekunden!); es zerstörte große Teile der Stadt. Meine Mutter war an diesem Tag zur Arbeit in der Fabrik; mein Vater indes war gerade dabei, die Milch für meinen 5jährigen Bruder zu bereiten. Meine Mutter war gezwungen, mit anderen Personen zusammen auf das Dach der Fabrik zu steigen; jedoch war die Mühe umsonst: die Fabrik brach zusammen und sie mußten eiligst einen Ausweg suchen. Mit Hilfe der Feuerwehr fanden sie einen Fluchtweg und konnten sich retten." Manuela Forgiarini, geboren 1978

"Meine Eltern haben mir erzählt, daß das Erdbeben 1 Minute gedauert hat. Meine Mutter war außerhalb des Hauses und wartete auf meinen Vater, der jeden Moment erwartet wurde. Sie erinnert sich genau, daß sie deutlich die Stimmen der Nachbarn hörte, die gerade eine Familienfeier hatten. Nach dem Erdbeben war es totenstill, "grausig" sagt sie immer dazu. Nach dem Erdbeben war Gemona vollständig zerstört; aus meiner Familie war zum Glück niemand umgekommen." Elena Frisacco, geboren 1978

Frau Prof. Maria Ursella, Italienisch-Lehrerin, wohnhaft bei Gemona, berichtet:

"Im Schuljahr 1975/76 war unsere Schule eine Zweigstelle des I. T. C. "Cecilia Deganutti" von Udine und war untergebracht in einem neuerbauten Fertigbetonbau. Durch das Erdbeben vom Abend des 6. Mai erlitt der einstöckige Bau keinerlei Schaden, weshalb er zum Erste-Hilfe-Krankenhaus umfunktioniert wurde. In diesem Jahr endete der Unterricht also mit dem 6. Mai.

Im darauffolgenden Jahr wurde die Schule in einer Baracke untergebracht, während man mit Fertigbetonteilen die Erweiterung des Schulgebäudes fortsetzte. Es blieb auch weiterhin der offizielle Sitz der Schule und war 1978 fertiggestellt. Das neue Gebäude hat zwei Stockwerke und ist nach strengen Auflagen für die Erdbebensicherheit in Stahlbetonweise gebaut.

Diejenigen, die die Erfahrung des Erdbebens überlebt haben, reagieren noch heute mit starker Betroffenheit, sobald sich irgend ein neuer, leichter Erdstoß ereignet, wie es in Friaul immer wieder vorkommt. Obwohl die Menschen nun in ihren neuen erdbebensicheren Häusern wohnen, ist die Angst geblieben. "

Übersetzung der italienischen Originaltexte: Hinterkeuser 1996

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